*Achtung: sehr langer Artikel*
Seit fast 9 Monaten, seit ca. zweihundertsiebzig (sieht viel mehr aus wenn mans ausschreibt) Tagen bin ich nun schon in Neuseeland. Und in nur sieben Wochen bin ich schon wieder zu Hause (lohnt sich schon die verbleibenden Wochen zu zaehlen)! Die Zeit vergeht jetzt wieder total schnell!
Im Normalfall hab ich eine 40h-Woche, fuenf Tage Arbeit und zwei Tage frei (Donnerstag und Freitag). Doch der Normalfall existiert praktisch nicht. (Was dann eig den ‘Nicht-Normalfall zum Normalfall machen wuerde.) Denn hier, auf dem Mt Ruapehu, ist das Wetter ziemlich unbestaendig. Da in der Naehe (150Km) das Meer ist und weit und breit keine grosse Landflaeche (wie in den europ. Alpen), kommen die Wolken, die sich ueberm Tasmanischen Meer vollgesogen haben, von Westen ungehindert in die Region.
Folglich haben wir da oben regelmaessig ganz viel Wind, viel Nebel und einiges an Niederschlag, der leider nicht immer als Schnee runterkommt… D.h. der Berg muss aufgrund schlechter Wetterverhaeltnisse ab und an geschlossen bleiben, nur zum Teil oeffnen oder vorzeitig zu machen.
Wenn der Berg zu ist, werden wir fuer zwei Stunden bezahlt. Da ich in den ersten 4 Wochen gleich zweimal krank war und die Schlechtwettertage immer in meiner Schicht lagen, konnte ich nur meine Miete, Essen und notwendige Ausruestung bezahlen (hab jetzt riesige Stiefel). Deswegen werd ich hier leider nicht reich.
Aber es geht bergauf! Montag war der erste Tag an dem ich fuer’s Deicing eingesetzt wurde. Und dann gleich fuer 10h. Denn am Samstag war da oben ein Sturm und Sonntag immernoch nur der ‘untere’ Berg geoeffnet, weswegen nicht gedeiced wurde. D.h. fast alle Lifte mussten vom Eis befreit werden. Und die Eisschicht war nicht gering. Im Durchschnitt waren ca. 20 bis 30cm an den Tuermen und Rollen dran. Ein Vertreter des groessten Liftherstellers (Doppelmayr) hat gesagt, dass auf dem Mt Ruapehu die haertesten Wind-, Wetter- und Eisbedingungen herrschen denen ihre Lifte standhalten muessen.
Ich beschreib den Prozess des Deicens mal ein wenig genauer. Ausgeruestet sind wir mit unserer normalen Liftie-Uniform, einem Klettergurt, Helm, Radio (engl. Funkgeraet/WalkieTalkie) und einem Yeti-Stick (Baseballschlaeger aehnlich, aus Holz). Montag brauchten wir sogar Steigeisen, da eine Schicht Eis den ganzen Schnee ueberdeckt hat und sonst schon auf dem Weg zu den Tuermen gescheitert waeren.
Auf der Ladeflaeche eines Pistenbullys werden wir hoch gefahren und dann laeuft jeder zu seinem Turm (manche Tuerme sind bis zu 25m hoch). Meistens ist schon die Leiter dermassen mit Eis bedeckt, dass man erstmal kraeftig dagegen schlagen muss. Bei den grossen Tuermen muss man, waehrend man die Leiter hocklettert, immer wieder dagegen schlagen und dann aufpassen, dass das Eis das hinter der Leiter runterkommt, einem nicht die Fuesse abhackt.
Das ist schon alles extrem anstrengend. Oben angekommen, gehts aber erst richtig los! Das Wichtigste sind die Rollen, damit das Seil nicht aus der Fuehrung springt. Soweit muss man sich aber erstmal vorkaempfen. Funktioniert am Besten, indem man gegen das Metall des Turms schlaegt oder gegen das Eis selber. Alles was faustgross ist muss weg. Danach gehts die Leiter wieder runter und zum naechsten Turm oder Lift, im Optimalfall aber zum Pausenraum.
Bevor man auf den Turm steigt, meldet man sich uebers Radio bei der Liftstation. Hoert sich folgendermassen an:
- “Name [Person in der Liftstation] for Paul [ich].”
* “Go ahead, Paul.”
- “Climbing tower [nr] on the [Name des Lifts], remaining safe.”
* “Copy that, Paul climbing tower [nr], remaining safe.”
- “10/4.” [= Ok, geht klar]
Dann muss man noch melden, ob es Stuckies (blockierte Rollen) gibt, man ‘unsafe’ geht (=an den Rollen rummaehrt), wenn man wieder sicher auf dem Boden ist (“Tower [nr] all clear, Paul safe on the ground” ) und natuerlich bei Problemen.
Soviel zum Deicen, jetzt noch kurz mein normaler Tagesablauf wenn ich ‘nur’ Liftie bin. Der Wecker klingelt um 6 (wenn ich 6.30 anfange, dann alles ne Stunde eher), wird dann meistens aber so ca ne halbe Stunde ignoriert. Der Bus sammelt uns gegen 7 Uhr ein und faehrt dann 16km den Berg rauf (1000m Hoehenunterschied). 7.30 ist offizieller Arbeitsbeginn. Uebern Tag verteilt hab ich zwei 45min Pausen, Schluss ist normalerweise 16.30.
Los gehts mit nem kurzen Teammeeting; bevorstehendes Wetter und Aufgaben (wind-/wetterabhaengig) werden vom Supervisor (Vorgesetzter) angesagt und dann gehts zu den Liften.
Warteschlangenzaeune werden aufgestellt, Liftrampen (frei-)geschaufelt, Sesselliftsessel vom Eis befreit, Sitze und Buegel runter/hoch geklappt und der Lift wird auf Funktionalitaet und Sicherheit getestet.
9 Uhr oeffnet das Skigebiet, je nach Wetter gibts entweder schon vorher nen Ansturm von Leuten, oder man sieht uebern Tag verteilt ganze 100 Leute…
Ohakune, mein aktueller Wohnort am Fusse des Mt Ruapehu, hat in der Wintersaison ca 7000 Einwohner. Es streckt sich in die Laenge, das eine Ende nennt sich Junction (weil da die Eisenbahnstrecke die Strasse hoch zum Berg kreuzt), das andere ‘Ende’ ist das ‘Stadt’-‘centre’. Meine Wohnung ist so ziemlich genau in der Mitte. Das ist super, so hab ich jeweils zu den Shops im Centre und zu den Bars an der Junction nur 15min zu laufen. =)
Uebrigens arbeite ich auf einem aktiven Vulkan. Der letzte groessere Ausbruch war 1996, wo Teile des Skigebiete zerstoert wurden. Die Liftstationen sind auf den Huegeln zwischen den Lavastromtaelern gebaut. Fuer mich sinds ja nur noch sechs Wochen in denen ich taeglich fuerchten muss von herumfliegenden Gesteinsbrocken und Lavastroemen erfasst zu werden.
Alles klar. Hoffe ihr hattet annaehernd soviel Spass beim Lesen, wie ich beim Erleben und dass ihr einen guten Einblick in den letzten Abschnitt meines Lebens (hier in NZ) erhalten habt.
Beste Gruesse nach Hause!!!
Euer Paul
Bilder vom Rugby und vom Berg
